Wortwerkerin

Textwerk

Textproben

Fragebogen der Lübecker Nachrichten vom 10. Januar 2010
Heute:
HannaH Rau, Wortwerkerin

Wofür werden Sie schwach?
Für alles Echte. Echte Gefühle, echte Steine, echter Geschmack ohne Verstärker.

Was bringt Sie zur Weißglut?
Hinterfotzigkeit

Wie vertreiben Sie schlechte Laune?
Laute Musik und lostanzen; mit Mann und Töchtern Schlechte-Laune-Leute imitieren.

Was ist Ihr Geheimtipp für Lübeck-Besucher?
Eine Vorstellung im Theaterhaus in der Königstraße .

Was fehlt Ihnen an Lübeck?
Ein Haus für die GEDOK-Künstlerinnen - und nicht nur die - mittendrin.

Welches Buch lesen Sie gerade?
“Survive: Katastrophen - wer sie überlebt und warum“ von Amanda Ripley

Welchen Traum möchten Sie sich noch erfüllen?
Zum Kabeljau-Fang auf den Lofoten sein.

Welchen guten Vorsatz haben Sie zuletzt gebrochen?
Dieses eine Stück Schokolade kann bis morgen liegen bleiben.

Welchen Fehler müssen Sie noch ausbügeln?
Die vergessene Weihnachtskarte. O.k., am Besten hol’ ich das gleich mal nach: „Liebe Ute, lieber Klaus! Hoffentlich seid Ihr gut ins neue Jahr gekommen und...“ äh, ich glaube, mehr Platz bekomme ich nicht...

Wer würden Sie für einen Tag gern mal sein?
Ein schöner, junger Mann.
Das Wadenhaar der Patti Smith
Patti Smiths dunkler Blick kroch meine Waden entlang. Da hob ich die Hosenbeine und forderte sie mit einem Nicken auf, es auch zu tun.
„Hey man!“ sagte sie und die Kippe fiel aus ihrem Mundwinkel und taumelte zu Boden wie der Feder-flaum eines Kükens.
Sie nun war rasiert.
Jahrelang hatte ich ihr Foto vor mir am Schreibtisch. Patti, sitzend in einer kahlen Zimmerecke, ihr dunkler Blick und die dunkle Beinbehaarung die aus ihrer Leinenhose wuchs – sie gehörten zusammen.
Was auch immer meine Freunde sagten: Ich rasierte mich nicht mehr. Nie wieder. Nirgendwo.
Im ersten Jahr blieb ich zuhause, besuchte kein Schwimmbad und trug keine kurzen Kleider. Ich war stolz auf meine Coolness, diese innere Kühle, die eine Behaarte nötig hat, die auch im Sommer Kniestrümpfe trägt. In Gesellschaft, besonders im Sommer, fand ich diesbezüglich fragende Blicke zu anstrengend. Ich war Existenzialistin.
Im zweiten Jahr schon wurde ich mutiger. Sobald es Frühling wurde, trug ich zerrissene Dreiviertel-Jeans und zeigte mein schwarzes Beinhaar wie Punks ihre Springerstiefel. Eine gepflegte Mischung aus Trotz und Revolution. Unpolitisch zwar, aber musikalisch von Patti motiviert. Ich erklärte nichts und so-gar meine Augenbrauen begannen noch furchterregender die Düsternis meines haarigen Selbstbilds zu unterstreichen. Jegliche Frage war überflüssig.
Im dritten Jahr schließlich wagte ich es, die Beine bloß zu zeigen. In ihrer vollen Länge. Kurze Röcke und dazu schwarzes Haar waren mein Markenzeichen. Ich trug sie stolz, wie andere Leute ihre mit Fell be-setzten Moonboots im Winter. Jetzt begann ich die Menschen auf ihre fragenden Blicke hin anzusprechen und stand diskutierend in der Fußgängerzone, wenn die jungen Mädchen mit den Packungen für Enthaa-rungscreme und Damenrasierern den Drogeriemarkt verließen.
Im Schwimmbad bekam ich Badeverbot, da ich mich weigerte, eine Badekappe aufzusetzen. Der Bade-meister wollte mir nicht erklären, warum ich diese gegen eine Verunreinigung des Wassers mit meinem Haupthaar tragen sollte, mein Beinfell aber keine Rolle spielte. Da ich hartnäckig nach einer logischen Erklärung verlangte, verwies er mich schließlich genervt des Hallenbades. Also badete ich im Sommer im Meer, im Strandabschnitt für Hunde. Hier hatte ich die größte Akzeptanz und lernte schließlich auch meinen Mann kennen. Als Besitzer eines wunderschönen Afghanen mit langem, schwarz glänzendem Fell, war er von meiner Haaresfülle begeistert. Wir stellten ein Bild des Hundes neben das von Patti Smith auf unseren nunmehr gemeinsamen Schreibtisch.

Im vierten Jahr wurde ich schwanger.
Als die Hebamme vorsichtig fragte, ob sie denn ein wenig dort rasieren dürfte, wo sie unser Kind im Laufe der Geburt vermuten würde, gab ich zum ersten Mal nach.
Und dann dieser Traum: Pattis weiße, glatte Waden und ihr spöttischer Blick.
Ich habe seitdem die Straße nicht mehr betreten.
Ich habe mir den Rasierapparat meines Mannes geliehen.
Ich werde einen Neuen kaufen müssen.
Eine Freundin brachte mir Beruhigungstee und Enthaarungscreme.
Das Ergebnis ist scheußlich. Ich kratzte eine dicke graue Pampe aus meinen Achseln und konnte nicht glauben, dass dies die dunkle wärmende Hülle war, die mich umgeben hatte.
Pickel wuchsen an allen Stellen, die Creme und Rasierer berührten und mein Baby mit seinem wachs-glatten unbehaarten Schädel wurde mein Ansporn.

Nun bin ich nackt.
Ich friere.
Es ist Frühling.
Keine Nachricht von Patti.
Der Hund muss raus.
Wohin geht das Licht, wenn der Schatten es löscht?
Am Horizont schwebte ihr heller Sopran. Die hellgrün brennenden Lichterspiele breiteten ihre Arme über sein Haus, das schon im Dunkeln lag. Er saß vor der Tür. Auf der Holzbank, die sich an die warme Lehmwand schmiegte. Im Zimmer dahinter sein Cello. Vom Üben und der Erinnerung müde hatte der Musiker seinen Platz gewechselt.
Doch Ruhe fand er nicht.
Sein Kopf spielte immer wieder all die Töne des Orchesters, die ihren Gesang begleitet hatten. Und das Nordlicht am Himmel fand Bilder für ihr Lied, die er nicht hätte denken können. Er blickte die Straße hinunter, die er mit dem Cello auf dem Rücken entlanggefahren war. Sein altes Fahrrad hatte die Lichtkreise der Laternen durchmessen wie ein Boot die winterliche Dünung auf See. Nun lehnte es leer am Schuppen. Einsam saß der Musiker. Allein stand das Cello.
Wo blieb das Licht, wenn das Rad beim Durchfahren Schatten warf? Wo blieb das Nordlicht, wenn Schneewolken aufzogen? Wohin gingen die dunklen Töne seines Cellos, wenn der Bogen sank? Wo war ihr Gesang, ihre weiten Arme in den höchsten Höhen, wenn er hier saß, an die Wärme seines Hauses gelehnt?
Und wie immer, wenn sein Kopf voll war von Melodien und Rätseln, die ohne diese Melodien nicht Rätsel wären - immer dann kehrte er zurück zu seiner Musik. Er stand auf, holte sein Instrument aus dem Haus und stellte es vorsichtig vor die Bank, auf der er wieder Platz nahm. Nordlicht spiegelte sich im polierten Holz. Leise begann er zu spielen, was sein Herz erinnerte.
Spielte Lampenschein und Fahrradklappern. Spielte Lichtkreise im Dunkel, spielte die Lehmwand, die ihn auf der Holzbank empfing. Spielte Einsamkeit und Schneewolken, die Dünung der Wintersee und das Boot darin und spielte schließlich ihren leuchtenden Sopran mit offenen Armen im Nordlicht am Horizont. Und die Sehnsucht. Und lange die Sehnsucht.
Wohin geht das Licht, wenn der Schatten es löscht?
Es leuchtet auf dir.
Es singt in dir.
Es spielt dein Instrument.
Es malt dein Bild und wärmt dein Wort.